Vor fünf oder sechs Jahren kaufte ich mein erstes Paar Dr. Martens Stiefel in dem Laden bei der Mönckebergstraße, da wo sie auf die Spitalerstraße trifft. 10-Loch original Schuhgröße 45. Ich brauchte einige Zeit um sie so einzulaufen, dass ich keine Blasen mehr bekam und bis heute kann ich in Docs kein Auto fahren. Jetzt ist mein erstes Paar durchgelaufen und es fühlt sich fürchterlich an.

Der Kauf

Ich bin mir nicht sicher warum, aber ich war unfassbar aufgeregt bevor ich mir mein erstes Paar Docs kaufte. Ich hatte extra Geld gespart und mir von einem ehemaligen guten Freund gut zureden lassen, habe ganz sicher jedes YouTube Video und jeden Blogpost zum Einbrechen dieser Schuhe angesehen und war mir sicher, dass ich dem gewachsen war. Ich wollte endlich weg von Chucks, die ich jedes Jahr neu kaufen musste. Weg von Vans, die jeden Fuß wie Lulatsch aussehen lassen und hin zu einem Stiefel, der mir bleiben würde. Ein Stiefel der auch ein Statement ist und meinen bisherigen Kleidungsstil bricht.

Die Verkäufer im Laden waren unfassbar nett und ich hatte trotzdem das Gefühl dem legendären Vermächtnis nicht wert zu sein. Ich war ein Neuling! Kein Teil der erlesenen Gruppe Martens Träger, deren Versen den blutig, wässrigen Pfad des Einbrechens beschritten haben um Leder und Sohle zu ihren Füßen zu formen um am Ende das perfekte Paar Stiefel zu haben, das sich eigentlich jeder ersehnt! Immerhin sind diese Schuhe auffällig und vor allen in der Arbeiterschicht und den Subkulturen des Vereinigten Königreiches bekannt geworden. Außerdem sollte man darauf achten welche Farbe die Schnürsenkel haben. Schon als Teenager wusste ich vom Lace Color Code und das Nazis weiße oder rote Schnürsenkel in ihre Martens schnüren. Es sind Schuhe mit Vermächtnis und vielleicht habe ich das alles auch etwas überinterpretiert! Ich bekam meine 1490 Smooth 10 Loch Originals trotzdem und man versuchte mir auch den Wunderbalsam und sonstiges Schuhpflegezeug anzudrehen.

Das Einbrechen

Lasst mich euch sagen, je schlimmer ihr es erwartet, desto leichter ist das Einlaufen von neuen Schuhen und das trifft auch auf Docs zu. Leder hin oder her, die wenigsten Menschen kaufen sich maßgeschneidertes Schuhwerk und selbst dann muss ein Schuh eingelaufen werden. Je nach Material, Form und Fuß kann das mehr oder weniger schmerzhaft werden. Dr. Martens Stiefel und Schuhe sind dafür bekannt länger zu brauchen, wobei das nicht mehr unbedingt stimmt. Die Produkt und Materialpalette der Dr. Martens Schuhe ist vielfältig und ich sehe auch immer öfter die neongelben Laschen, welche aus veganem Material sind.

Trotzdem dauerte das Einlaufen meiner Docs recht lang und ich hab sicher einige Blasen provoziert bis ich ohne Probleme Alltagsstiefel hatte, die mir besser passten als jeder andere Schuh zuvor. Leder ist ein Material das mithilfe von Schweiß, Fett und Zeit weich und formbar wird. Ein Tipp habe ich dennoch - Zieht Seidenstrümpfe unter normale Strümpfe und schon wird das Einbrechen der Stiefel weniger schmerzhaft weil weniger Reibung entsteht.

Die Obsession

Ich hatte endlich die Schuhe gefunden in denen ich mich wohler fühlte, als mit jedem anderen Schuh bis dahin. Sie waren (endlich) bequem, widerstandsfähig, wasserdicht und genau im richtigen Maß Gesellschaftlich unakzeptiert um nicht zum Rest der Sneakermasse zu gehören. Meine Liebe für meine Stiefel ging so weit, dass ich zum kauf eines zweiten Paares zurück in den DocMartens Laden kehrte um kurz vor meiner Hochzeit eine Sonderedition Martens zu meinen Hochzeitsschuhen zu machen was wohl einer der besten Entscheidungen meines Lebens war.

Ich bin in diesen Schuhen so viele Kilometer durch so viele verschiedene Länder, Städte und Lebenssituationen gelaufen wie mit keinem anderen paar Schuhe jemals zuvor. Man sieht es ihnen an, die langen Wege. Sie sind alt geworden und jeden Tag nur noch schöner. Die tiefen Falten und Rillen, Kratzer und Dellen. Die abgelaufene Sohle und weichen herrlichen glatten Oberleder. Die Schnürsenkel musste ich bisher nicht austauschen und sie sind lang genug um sie bequem zu schnüren und sogar einmal um den Schaft zu binden. Zwei mal im Jahr werden sie ordentlich gefettet und poliert um das Leder weich zu halten

Der Verlust

Ich zog, wie immer, ein Finger in der Lasche am Stiefelschaft, mit einem Ruck den Schuh empor und da riss sie ab. Ich hatte die Lasche in meiner Hand und war verwirrt, dass sie nach so vielen Jahren aufgegeben hatte. Anders als mit dem ziehen an der Schlaufe kommt man nur umständlich rein und erst am nächsten Tag fiel mir auf, dass die Sohle im Schuh unnatürlich nass ist. Ein riesiger Riss spaltet die Sohle am Ballen und es fühlte sich an, als wäre meinen geliebten Stiefeln das Rückgrat gebrochen. Doch kein Schuh fürs Leben und das obwohl sie so lange gut hielten. Tatsächlich leidet die Marke seit Jahren unter dem Verlust ihres guten Rufes, aufgrund der scheinbar schlechter werdenden Qualität der Schuhe. Geplante Obsoleszens ist überall.

Natürlich fallen meine Schuhe nicht unter die bereits abgeschaffte Martens for Life policy und natürlich gibt es in Deutschland, soweit ich recherchieren konnte, niemanden der die Sohle ohne weiteres austauschen kann. Auch in Groß Britannien werden Sohlen selten ausgetauscht auch wenn das Leder an sich noch gut ist. Ich werde demnächst mal gucken ob es einen Schuster gibt, der vielleicht noch ein zwei Jahre aus meinen liebsten Schuhen holen kann und auch die Lasche wieder annäht. Trotzdem will ich mich nicht darauf verlassen, denn wenn das, was man liebt kaputt geht, wird einem bewusst wie viel es einem wert war und meine Dr. Martens Stiefel waren die letzten Jahre das, was mich durch mein Leben begleitete.

Doch bevor ich mir ein Paar britische originale kaufe (dazu muss ich leider nach Groß Britannien reisen), sind es jetzt zwei Sondereditionen geworden. Jeweils 8-Loch, eines in komplett schwarz und das andere Paar mit Harness Schnallen. Trotzdem träume ich von einem paar mit 14-Loch Schnürung. Es scheint als könne ich von Ihnen einfach nicht genug bekommen.

Für mich beginnt jetzt die schmerzvolle Zeit des Einlaufens der neuen Schuhe und ein bisschen das verarbeiten des Verlustes meines ersten Paares Docs, welches ich doch mehr mochte als ich gedacht hätte und dafür sorgte, dass ich mehr Schuhe besitze als jemals zuvor.

OddBlog

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